Von Maksim Korsum – 6. November 2026

Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Gewalttäter zu Vorbildern erhebt? Über den Kult um nationalistische Helden, die Einschüchterung seiner Landsleute und das Wegsehen der europäischen Geldgeber.
In meinem letzten Artikel über den Nazismus in der Ukraine ist offenbar nicht allen Lesern klar geworden, warum ich geschrieben habe, dass es dort keinen Nazismus [Tatsächlich?; die GG-Red.] gebe. Ich möchte deshalb ausführlicher erläutern, was ich damit meine.
Der Rückgriff auf den Nazismus und die Verherrlichung historischer Antihelden haben meist weniger mit ideologischer Überzeugung als mit politischem Kalkül zu tun. Es geht vor allem darum, Russland zu provozieren und zugleich Geld aus Europa zu erhalten. Ein Beispiel: 1991 erschien in Toronto Kupjaks Buch »Erinnerungen eines Nicht-Erschossenen«. Bereits 1993 wurde es im Lwiwer Verlag Kamenjar neu aufgelegt. Trotz seiner Verbrechen lieferte Kanada diesen Mann weder an die Sowjetunion noch an Polen aus. Seine ehemalige Funkerin gab in einer Zeugenaussage folgende Worte von ihm wieder: »Je mehr Morde es geben wird, desto unterwürfiger wird die Bevölkerung sein. Eine unabhängige Ukraine kann man nur mit der Methode des Terrors erobern.« Als seine Mitstreiter vor Gericht standen, erklärten sie übereinstimmend, dass es ihnen weniger um einen ideologischen Kampf als um Bereicherung und die Ausplünderung ihrer Opfer gegangen sei. Kupjak soll Menschen eigenhändig erschossen haben, nur um ihnen die Stiefel abzunehmen. Seiner Gruppe werden Morde und Raubüberfälle in Adamy, Pobużany und Jabłonówka zugeschrieben.
Kinder orientieren sich an präsentierten Helden
Menschen zu entführen, auszurauben und zu ermorden, wenn sie Polen oder Juden waren, gehörte zum Vorgehen der UPA (Ukrajinska powstanska armija, Ukrainische Aufstandsarmee). Kürzlich veröffentlichte der russische Inlandsgeheimdienst FSB Archivdokumente über Verbrechen ukrainischer Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges. Aber schenken wir der russischen Propaganda keinen Glauben. Wenden wir uns stattdessen der polnischen Website »Zbrodnia Wołyńska« zu, die sich mit den damaligen Ereignissen beschäftigt. Ein Land, das der EU und der NATO angehört, wird doch wohl keine Propaganda betreiben oder Dokumente fälschen.
Dort sind zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen UPA-Mitglieder Menschen entführten, folterten und töteten. Im Juni 1943 wurde Edward Makrocki geschlagen und an einen unbekannten Ort verschleppt. Im August wurden acht Männer aus der Kolonie Truskoty entführt. Keiner der Entführten überlebte. Das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) rief sogar öffentlich dazu auf, dass sich Zeugen und Überlebende des »Völkermords, der in den Jahren 1939 bist 1945 von Mitgliedern der OUN-UPA begangen wurde«, melden sollten.
Seit drei Jahrzehnten werden solche »Helden« ukrainischen Schulkindern als Vorbilder präsentiert – zunächst nur im Westen des Landes, seit 2014 in der gesamten Ukraine. Wer Kindern solche Menschen als Vorbilder vor Augen stellt, muss sich nicht wundern, wenn sie sich später an deren Handeln orientieren. Entführungen zur Erpressung von Lösegeld und Morde sind zur Normalität geworden.
[Hier weiterlesen auf dem Overtone-Magazin]