Stimmen aus Russland – Trumps neuer Russland-Kurs: Wenn die Ukraine plötzlich keine Rolle mehr spielt

Von Fjodor Lukjanow – 16. Oktober 2026

Eine erneute Wende in den US-amerikanisch-russischen Beziehungen hat Kiew schockiert, die europäischen Verbündeten empört und weltweit für Ratlosigkeit gesorgt: Zum ersten Mal hat die US-Regierung gegenüber Moskau eine Entscheidung getroffen, bei der die Interessen Kiews schlicht übergangen wurden. Eine Analyse von Fjodor Lukjanow, Forschungsdirektor des Waldai-Klubs, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik sowie Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs, über die Hintergründe und was sie für die Zukunft bedeutet. Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

Die überraschende Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, die Sanktionen gegen Lieferungen von russischem Dieselkraftstoff vorübergehend auszusetzen, steht in direktem Widerspruch zu den jüngsten Schritten Washingtons — etwa der Verabschiedung eines scharfen Sanktionsgesetzes und der Absicht, damit den Druck auf Moskau zu erhöhen.

Manche führen diesen Schritt auf die Eigenmächtigkeit des US-Präsidenten zurück, andere sehen darin die Ansätze einer neuen Strategie, und wieder andere deuten ihn als grundlegenden Kursschwenk in der Ukraine-Politik. Um die tatsächliche Logik dahinter zu verstehen, muss man den Blick von den Äußerlichkeiten befreien — allen voran vom gewohnt schrillen Auftreten des US-Präsidenten. Seine oft grenzwertig anmutenden Auftritte sind meist nur die äußere Hülle einer knallharten Zielsetzung. Ob diese im Ergebnis richtig oder falsch ist, steht auf einem anderen Blatt.

Wolodymyr Selenskyj wurde zum Sündenbock für die steigenden Spritpreise an den US-Tankstellen gemacht – und wer Trump kennt, weiß: Es ist unmöglich, ihm eine einmal gefasste Meinung wieder auszureden. Der eigentliche Auslöser für Trumps Schwenk dürfte in der US-Innenpolitik liegen: In wenigen Wochen stehen die Zwischenwahlen zum US-Kongress an, und die Aussichten für die Republikaner sind düster. Trump gibt sich nach außen hin zwar unbeeindruckt, doch der Verlust beider US-Kongresskammern würde für ihn zwei Jahre Dauerfeuer und zermürbenden Machtkampf bedeuten.

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