50 Jahre nach Daimlers Verbrechen

Von Gaby Weber – 16. September 2026

Bild: Gaby Weber

Morde von Mercedes Benz Argentina jetzt vor Gericht.

Am 22. Oktober wird in einem Vorort von Buenos Aires der ehemalige Produktionschef des deutschen Autobauers Mercedes-Benz Argentina (MBA) vor Gericht stehen: Juan Ronaldo Tasselkraut, Jahrgang 1941. Ihm wird die aktive Beteiligung an der Ermordung von 14 Gewerkschaftsaktivisten zur Last gelegt, konkret geht es um die Verhaftung des Arbeiters Héctor Ratto im August 1977 mitten im Betrieb sowie die Weitergabe der privaten Adresse des Gewerkschafters Diego Núñez an die Militärs, die in derselben Nacht Núñez verschleppten, folterten und dann ermordeten. Seine Leiche wurde nie gefunden. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass während der Diktatur bis zu 30.000 Menschen „verschwanden“.

Ich hatte den Fall 1999 für den WDR recherchiert und in der Welt bekannt gemacht. In Deutschland erstattete der Republikanische Anwaltsvereins Anzeige gegen Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord. Nach mehreren Jahren stellte die Staatsanwaltschaft Nürnberg das Verfahren ein, weil in ihren Augen nicht nachgewiesen wurde, dass die Verschwundenen wirklich tot seien und nicht irgendwann wieder auftauchen.

2004 erhoben die Hinterbliebenen in San Francisco (USA) Klage gegen DaimlerChrysler. Zunächst verneinten die kalifornischen Richter die geographische Zuständigkeit, annullierten jedoch im Mai 2010 ihr eigenes Urteil, und Daimler rief den Obersten Gerichtshof an. Dazu muss man wissen, dass die Richter in den USA vom Volk gewählt werden, lediglich die Obersten Richter von der Exekutive. 2014 hob der Supreme Court brav das Urteil des kalifornischen Berufungsgerichtes auf. „Der Neunte Gerichtsbezirk (San Francisco) hat den Risiken auf die internationalen Gebräuche zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, als er seine allgemeine Zuständigkeit erklärt hat“, hieß es in dem Urteil, eine „allgemeine Zuständigkeit könnte ausländische Investoren entmutigen“.

In Argentinien war 2002 (da galten noch die Amnestiegesetze) Strafanzeige wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung erstattet worden. Beschuldigt wurden, neben den Militärs, der MBA-Manager Tasselkraut, der Gewerkschaftsboss José Rodriguez und Carlos Ruckauf, bis zum Putsch 1976 peronistischer Arbeitsminister. Nach vier Jahren wurden die Ermittlungen aus der Hauptstadt Buenos Aires in den Vorort San Martín abgegeben, wo sie auf dem Schreibtisch der Richterin Alicia Vence landete. Und die tat gar nichts mehr. Die einst mächtige Menschenrechtsbewegung schaute weg und schwieg, denn der deutsche Autobauer verstand sich gut mit der neuen peronistischen Kirchner-Regierung. Im März 2022 stellte Richterin Vence das Verfahren ein. Dagegen legten die Opferanwälte Einspruch ein. Und nach weiteren vier Jahren wird nun das Verfahren doch noch eröffnet. Ich sprach mit Rattos Rechtsanwalt, Pablo Llonto. Er vertritt die Nebenklage.

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