Emmanuel Todd: „Europa hat den Krieg gewählt“ – Der französische Historiker sieht den Westen in einer gefährlichen Selbstzerstörung

Von uncut-news.ch – 24. Juni 2026

Emmanuel Todd zählt zu den bekanntesten französischen Historikern, Demografen und Anthropologen der Gegenwart. Internationale Bekanntheit erlangte er bereits in den 1970er Jahren mit seiner Vorhersage des Zerfalls der Sowjetunion. Seine Arbeiten über Familienstrukturen, Demografie und gesellschaftliche Entwicklungen machten ihn zu einem der einflussreichsten Intellektuellen Frankreichs.

Mit seinem jüngsten Buch Die Niederlage des Westens sorgte Todd erneut für heftige Debatten. Darin beschreibt er nicht Russland, China oder den Iran als die eigentlichen Krisenherde der Gegenwart, sondern einen Westen, der sich nach seiner Auffassung in einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang befindet.

In einem ausführlichen Interview mit „Fréquence Populaire“ zeichnet Todd ein äußerst düsteres Bild der Lage in Europa, der Ukraine und des internationalen Systems.

„Europa hat den Krieg gewählt“

Für Todd ist die Entwicklung in Europa inzwischen eindeutig. „Europa hat den Krieg gewählt“, sagt er.

Dabei handle es sich um einen ungewöhnlichen Krieg. Die europäischen Staaten führten ihn nicht selbst, sondern über die Ukraine. Die europäischen Gesellschaften würden nicht mobilisiert, die Bevölkerung müsse nicht an die Front, doch gleichzeitig lieferten die europäischen Staaten Waffen, Geld und politische Unterstützung.

Nach Ansicht des französischen Historikers sei die Europäische Union mittlerweile so stark auf die Konfrontation mit Russland ausgerichtet, dass der Krieg selbst zu einem identitätsstiftenden Projekt geworden sei.

Besonders kritisch sieht Todd die Rolle Deutschlands.

Während Frankreich und Großbritannien seiner Ansicht nach nur begrenzte militärische und industrielle Möglichkeiten besitzen, verfüge Deutschland weiterhin über erhebliche wirtschaftliche und industrielle Ressourcen. Der deutsche Kurswechsel unter der neuen Regierung habe deshalb die strategische Lage verändert.

Die Ukraine als Nation im Krieg

Todd vertritt die These, dass die Ukraine inzwischen in einem Zustand angekommen sei, in dem der Krieg selbst zum zentralen Bestandteil ihrer nationalen Identität geworden sei.

Die Millionen Ukrainer, die das Land verlassen hätten, seien vor allem jene Menschen, die nicht mehr an einen Sieg glaubten oder ein normales Leben führen wollten. Zurück bleibe ein Kern der Gesellschaft, der den Krieg als Existenzfrage betrachte.

„Die Ukraine existiert gegen Russland“, erklärt Todd. Solange der Westen Waffen, Geld und Unterstützung liefere, werde der Krieg weitergehen.

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