Von Dagmar Henn – 27 Juni 2026

Das ist wie ein befremdlicher Traum, wenn man sich vorstellt, das heutige Deutschland fühlte sich den Opfern des Genozids am sowjetischen Volk auch im Sinne einer „Staatsräson“ verpflichtet. Aber es kann nützlich sein, darüber einmal nachzudenken.
Wie wäre es, was wäre heute anders, hätte Deutschland alle Opfer des Nazismus gleich behandelt? Nein, ich will jetzt gar nicht anfangen von der Adenauer-Zeit und ihrer Kommunistenhatz. Vereinfachen wir den Gedanken etwas: alle Opfer eines Nazi-Genozids?
Zugegeben, das ist nicht so ganz einfach zu denken, weil man sich da den Kalten Krieg wegdenken muss, samt Winston Churchills berühmtem Satz vom „falschen Schwein“, das man geschlachtet habe. Aber nur so als Idee – wenn das Verhältnis zur Sowjetunion und allen ihren Nachfolgestaaten ebenso Staatsräson wäre, wie das jetzt vom Verhältnis zu Israel gepredigt wird?
Immerhin, wenn man das reale Verhältnis zum heutigen Russland betrachtet, fällt einem doch irgendwie auf, dass es im Kalten Krieg womöglich gar nicht oder nur sehr oberflächlich um das politsche System ging. Klar, ein Ausbrechen aus einem halbkolonialen Status ist eine Sünde, die geahndet wird, so wie die kleine Insel Haiti seit zweihundert Jahren für ihren Sieg über die Sklaverei bluten muss; aber wie man sehen kann, ist die Verlockung all der vielen Rohstoffe einfach zu groß, das politische System drum herum scheint nur so weit zu interessieren, ob es den Zugriff erlaubt oder behindert.
Irgendwie ist es genau dieses Argument, das ganz verborgen hinter der extrem unterschiedlichen Behandlung steckt. Warum sechs Millionen ermordete Juden als Grund eines moralischen Imperativs dargestellt werden, 27 Millionen tote Sowjetbürger jedoch nicht. Schließlich ging es in beiden Fällen um Morde mit rassistischer Begründung, und kaum jemand, der sich mit den Verbrechen der Wehrmacht etwa in Weißrussland auskennt, kann behaupten, da gäbe es irgendeinen grundlegenden moralischen Unterschied, ob jemand ermordet wird, weil er Jude oder weil er Slawe ist. Der einzige Gedanke, der da im Hintergrund vielleicht auftauchen kann, ist genau jener – dass es für den Mord an den Juden nicht den vermeintlich rationalen Antrieb der Rohstoffe gab.
Wobei man dabei natürlich übersieht, wie viele deutsche Konzerne hervorragend an der Arisierung ihrer Konkurrenz verdienten, beispielsweise. Und dass sich in der ideologischen Begründung, warum man gegen die Sowjetunion Krieg führen müsse, die beiden Motive ohnehin vermischten, in der bekannten Formulierung vom „jüdisch-bolschewistischen Untermenschen“. Aber irgendwie muss doch konstruiert werden, dass das eine Opfer unschuldiger und gleichsam reiner ist als das andere. Schließlich bringt es die deutsche Bürokratie bis heute fertig, nur die jüdischen Opfer der Belagerung Leningrads zu entschädigen, als hätte man nicht alle Bewohner gleichermaßen zu Tode hungern wollen und als wäre es den Toten nicht letztlich gleich, ob sie nun als Juden, Slawen oder Bolschewiken ermordet wurden.
Aber stellen wir es uns einfach mal vor. Jedes Jahr wären die Jahrestage des Beginns wie des Endes der Blockade Leningrads Gedenktage, die mit öffentlichen Zeremonien begangen würden, symbolisch für den gesamten Genozid. An diesen Tagen würde die gesamte politische Elite des Landes zu den vielen lokalen Gedenkstätten pilgern, oft bei den Gräbern sowjetischer Kriegsgefanger gelegen, um Kränze niederzulegen, und seit vielen Jahren würden rund um diese Tage Zeitzeugenberichte und Spielfilme die Ereignisse immer wieder ins Gedächtnis rufen.