Diplomatische Mätzchen, zwei Selbstdarsteller in Versailles und ein verprellter Bundesrat

Von Ralph Bosshard – 20. Juni 2026

Die Schweizer Presselandschaft gibt sich überrascht und konsterniert: Das Memorandum of Understanding, welches den Krieg zwischen den USA und dem Iran beenden soll, wurde weder in Genf noch auf dem Bürgenstock unterzeichnet, sondern in Versailles, wo US-Präsident Donald Trump nach dem G-7-Gipfel hingeflogen war (1). Und es gab kein Gipfeltreffen zwischen den Staats- bzw. Regierungschefs, sondern ein getrenntes Vorgehen: Donald Trump unterschrieb das Dokument in Papierform während eines feierlichen Abendessens im Schloss Versailles, während die iranische Führung unter Präsident Massud Peseschkian das Abkommen rein digital aus der Ferne unterzeichnete.

Ob Peseschkian aus Verärgerung über israelische Angriffe auf die Hisbollah im Südlibanon nicht nach Versailles anreiste, oder weil er ganz einfach das persönliche Zusammentreffen mit Trump vermeiden wollte, ist unklar (2). Letzteres ist durchaus plausibel: Das Außenministerium in Teheran erklärte, dass eine gemeinsame, physische Zeremonie angesichts des digitalen Verfahrens nicht angebracht sei. Solche Mätzchen erlaubt sich nur, wer sich in der starken Position sieht. Peseschkian wird es so sehen, dass der Iran de facto als Gewinner aus dem Krieg hervorgegangen ist, da die USA ihre erklärten Ziele nicht erreicht und an Einfluss verloren hätten, und dass das Ergebnis für Israel als aufgeschobene, aber absehbare strategische Niederlage zu betrachten sei (3). Die Trump-Administration hingegen verkauft das Memorandum als erfolgreichen Deal zu günstigen Bedingungen. Als erstes stellt sich nun die Frage, welche Einschätzung überzeugender erscheint. Neben vorsichtigem Optimismus dominieren derzeit eher skeptische Einschätzungen (4).

Wenn das Memorandum of Understanding (MoU) so unterschrieben wurde, wie in verschiedenen Medien publiziert, dann darf man wohl von einem Sieg des Iran auf der ganzen Linie sprechen (5). Der Iran soll Reparationen für die erlittenen materiellen Schäden erhalten – obwohl sie im MoU nicht so bezeichnet werden – und von Lockerungen der gegen ihn gerichteten Sanktionen profitieren. Die USA sollen sich auch dafür einsetzen, dass die von der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA und dem UN Sicherheitsrat verhängten Sanktionen gelockert werden. Es ist kaum davon auszugehen, dass sich der UN SC und die IAEA dem Abkommen widersetzen werden, denn sie wollen sicher nicht in die Rolle des Spielverderbers schlüpfen. Eigentlich müssten auch die Europäer mitziehen, denn wichtige Forderungen des Atomdeals JCPOA, den sie vor Jahren abgeschlossen hatten, werden erfüllt werden. 

Ausstrahlungskraft in der Region und darüber hinaus

Der iranische Erfolg wird hohe Ausstrahlung in der Region Nahost/Westasien haben, denn er erzwingt möglicherweise den Abzug von US-Streitkräften aus der Region. Im Irak waren diese schon seit längerem nicht mehr erwünscht gewesen. Das irakische Parlament hatte schon am 5. Januar 2020 in einer Sondersitzung den Abzug der US-amerikanischen Truppen gefordert. Auslöser war der Mord am iranischen General Qasem Suleimani und an einem irakischen Milizenführer durch US-Drohnen nahe Bagdad zwei Tage zuvor gewesen. Das Parlament verpflichtete die irakische Regierung damals, die Präsenz aller ausländischen Truppen auf irakischem Boden zu beenden und die Nutzung des irakischen Luftraums zu verbieten. Schon zuvor, im März 2018, war ein ähnlicher Parlamentsbeschluss gefasst worden, der einen konkreten Zeitplan für den Abzug ausländischer Streitkräfte verlangte. Jahrelange Verhandlungen führten schließlich zu einem Plan für die schrittweise Reduktion der US-Militärpräsenz (6).

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