Die Einkreisung – Wie aus einer rhetorischen Warnung eine operative Logik wurde – und warum die NATO an einer Sollbruchstelle steht, die niemand benennen will

Von Michael Hollister – 21. Mai 2026

Die Türkei ist nicht nur ein großes Land, auch seine Lage ist speziell, grenzt das Land doch an sieben andere Länder, die nicht alle untereinander befreundet sind. Und vor allem die Macht über den Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer und damit sozusagen auch zu Russland macht die Türkei zu einem wichtigen Player in der Region. Und seine Mitgliedschaft in der NATO, ein weiterer Machtfaktor … (Karte Wikipedia)

Die folgende Analyse von Michael Hollister basiert auf einem Interview, das der Autor mit Deniz Karabağ geführt hat. Nicht ganz einfach zu lesen, aber eine Chance, die nächsten NATO-Jahre zu verstehen. (cm)

Am 9. April 2026 schrieb Joe Kent einen Satz auf X, den niemand offiziell beantwortet hat. 3,89 Millionen Mal angesehen, zweiundsiebzigtausend Likes – und aus dem Weißen Haus, dem State Department, dem Pentagon: Schweigen. Der Satz lautet: Die Vereinigten Staaten würden die NATO nicht verlassen, um sich aus fremden Verstrickungen zurückzuziehen, sondern um sich an die Seite Israels stellen zu können, wenn es zwischen Israel und der Türkei in Syrien zum Zusammenstoß kommt. Geschrieben hat das nicht ein frustrierter Außenstehender. Geschrieben hat das der Mann, den Donald Trump 2020 zu seinem Counterterrorism-Berater gemacht hatte, der 2025 zum Direktor des National Counterterrorism Center ernannt wurde, der elf Kampfeinsätze als Green Beret hinter sich hat, dessen Frau Shannon 2019 in Manbij durch einen ISIS-Selbstmordanschlag starb – und der am 17. März 2026 aus Protest gegen den Iran-Krieg von seinem Direktorposten zurückgetreten ist, mit der Begründung, dieser Krieg sei „von Israel und seiner Lobby fabriziert“ worden.

Und das, was er sagt, ist keine Tagespolitik. Es ist eine Prozessbeschreibung über mehrere US-Präsidentschaften hinweg – und die Frage, die sich aus seinem Satz ergibt, lautet nicht mehr ob, sondern wann, und unter welchem Präsidenten.

Fünf Schritte in zweiundfünfzig Tagen

Bennett kam zuerst. Am 17. Februar 2026 sprach der ehemalige israelische Premierminister auf der Conference of Presidents in Jerusalem den Satz aus, der seither durch die strategischen Diskurse Washingtons rollt: Die Türkei sei das neue Iran. Erdogan versuche, Saudi-Arabien umzudrehen, eine feindliche sunnitische Achse mit dem nuklearen Pakistan aufzubauen, und Israel müsse begreifen, dass die nächste existenzielle Bedrohung nicht aus Teheran komme, sondern aus Ankara. Was Bennett sagte, war nicht nur eine außenpolitische Einordnung. Es war eine Frame-Verschiebung. Bis zu jenem Tag im Februar war „die Türkei als zweites Iran“ eine Fußnote in den Papieren der Foundation for Defense of Democracies, eine Randmeinung in den Memos der Brookings Institution, ein Grenzsatz in den Briefings von AIPAC. Bennett brachte sie auf eine Bühne, von der aus sie in den amerikanischen Diskurs sprang. Innerhalb weniger Wochen begannen Israel-affine Organisationen ihre Ressourcen umzuschichten – was über Jahre als Anti-Iran-Lobbyarbeit gelaufen war, wandelte sich in beschleunigtem Tempo zu Anti-Türkei-Positionierung. Es ist die gleiche Dynamik, die 2002 vor dem Irak-Krieg zu beobachten war und die 2012 vor den Iran-Sanktionen funktionierte: Eine politische Position, die in den außenpolitischen Eliten seit Jahren zirkuliert, wird durch eine prominente Stimme öffentlich gemacht, und der Apparat setzt sich in Bewegung. Bennetts Hexagon-Konzept – Israel als Zentrum, Griechenland, Zypern, Aserbaidschan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate als Eckpunkte – war zum Zeitpunkt seiner Rede bereits eine Beschaffungsarchitektur, kein theoretisches Modell mehr. Was er aussprach, war nicht die Diagnose einer Bedrohung, sondern die Lieferung einer Begründung. Ich habe Bennetts Hintergrund, sein politisches Profil und die strategische Architektur seines Hexagon-Konzepts in der Analyse vom 15. März ausführlich behandelt. Hier reicht es festzuhalten: Bennetts Rede war keine Improvisation. Sie war die öffentliche Verdichtung dessen, was in Israel-affinen Think-Tank-Kreisen seit Monaten zirkulierte – und sie hat die Grenze zwischen Randmeinung und Mainstream-Diskurs überschritten.

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