Von Stefano di Lorenzo – 21. 2026

Russland hat in der Ukraine bisher deutlich gemacht, dass es kein Interesse hat, das ehemalige Bruderland mehr als nötig zu zerstören. Der Druck in Russland auf den Kreml aber steigt, der Welt endlich zu zeigen, was Russland kann, wenn es will. (cm)
In den vergangenen Wochen argumentieren immer mehr russische Experten und Kommentatoren, dass eine Eskalation des Stellvertreterkriegs zwischen Russland und dem Westen unvermeidlich werden könnte. Dieser Trend ist zu konstant, um bloß Zufall zu sein. Angesichts der zunehmenden Angriffe der Ukraine sehen viele Russen offenbar nur noch einen Ausweg.
Seit mehr als drei Jahren vermitteln westliche Regierungen, Thinktanks, Fernsehsender und große Zeitungen der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit, dass die Bewaffnung der Ukraine nicht nur eine Option, sondern die einzig moralisch vertretbare Politik sei. Verhandlungen mit Moskau galten nicht als Diplomatie, sondern als Kapitulation. Forderungen nach Kompromissen wurden wie ideologische Abweichungen behandelt. Anhaltender militärischer Druck werde stattdessen Putin letztlich „zu Verhandlungen zwingen“.
Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Italiener und andere wurden schrittweise darauf konditioniert, jeden ukrainischen Angriff tief im russischen Territorium als Zeichen dafür zu sehen, dass der Frieden — also Russlands Niederlage — näher rücke. Jeder Drohnenangriff auf eine Raffinerie, jede Explosion nahe eines Militärflugplatzes, jede Sabotageaktion gegen Infrastruktur galt als Beweis dafür, dass Russland strategisch erschöpft und psychologisch gebrochen werden könne. Das Problem damit ist nur: Russland lässt sich ungern zu irgendetwas zwingen. Russen verstehen sich als stolzes Volk, das Respekt einfordert.
In vielen westlichen Berichten über ukrainische Angriffe war eine spürbare Schadenfreude erkennbar. Berichte über Belgorod, die Krim, die Schwarzmeerflotte oder die russische Energieinfrastruktur wurden oft von einer gewissen Aufregung begleitet. Das emotionale Grundmuster war klar: Russland werde endlich gedemütigt.
Ähnlich war die Stimmung vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau. In westlichen Kommentaren wurde offen spekuliert, ein ukrainischer Angriff auf oder nahe dem Roten Platz würde eine verheerende symbolische Demütigung für den Kreml darstellen. Russische Beamte sollen westliche Diplomaten in Kiew zugleich gewarnt haben, ein solcher Angriff würde eine äußerst harte Reaktion provozieren.
„Die Russen bluffen nur“
Westliche Bürger und Experten, die vor einer Eskalation warnten, wurden häufig mit Spott behandelt. Die Vorstellung, Russland könnte irgendwann unvorhersehbar — vielleicht sogar irrational — reagieren, galt als „Hereinfallen auf russische nukleare Erpressung“. Moskaus Warnungen sollen nur als Theater verstanden werden. Jede frühere „rote Linie“, die nicht zu nuklearer Eskalation führte, wurde zum Beweis erklärt, dass auch die nächste bedeutungslos sei.
Diese Logik hat sich tief im strategischen Denken des Westens verankert. Russland eskalierte nicht nach den HIMARS-Lieferungen, nicht nach den Leopard-Panzern, nicht nach Storm Shadow, ATACMS oder Angriffen tief im russischen Hinterland. Also — so das Argument — werde Russland auch künftig jede Eskalation hinnehmen. Doch diese Interpretation beruht auf einer gefährlichen Annahme: dass die Zurückhaltung von gestern auch die Zurückhaltung von morgen garantiert.