Russischer Überfall in drei Jahren? Hier die Grundlagen dazu

Von Ralph Bosshard – 8. Mai 2026

Die Lage in Ostasien zu Beginn des Monats August 1945. Die Karte wurde von Ralph Bosshard gemacht auf der Basis einer Karte des militärhistorischen Dienstes der US-Army.

Greift Russland im Jahr 2029 die NATO im östlichen Mitteleuropa an und wenn ja, wie? Diese Frage wird in der [westlichen] Öffentlichkeit seit längerem gewälzt. In der jüngeren Vergangenheit haben verschiedene Medien und auch die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags unterschiedlich gut gelungene Versuche unternommen, um aus der Geschichte des Kalten Kriegs Schlussfolgerungen auf das erwartete russische Vorgehen in Mitteleuropa im Jahr 2029 zu ziehen (1). Man erwartet einen russischen Blitzkrieg in Mitteleuropa und überträgt [die] alte sowjetische Doktrin auf die heutige Lage. Aber es wird nicht genügen, die alten Bedrohungsszenarien aus dem Kalten Krieg aufzuwärmen, ohne sie zu verstehen.

Schon einmal rechnete der Westen mit einem überfallartigen Angriff auf Deutschland, extreme Szenarien rechneten gar mit einem Stoß bis an die Pyrenäen (2). Das war in einer ersten Phase des Kalten Kriegs, als die Sowjets nachweislich eine Verteidigungsoperation planten. Woher kam damals diese Bedrohungsperzeption? Eine Antwort mag in den Offensiven der Roten Armee nach dem Sommer 1943 gelegen haben, die allesamt nach den Grundsätzen der „Tiefen Operation“ geführt wurden und in denen Angriffsgeschwindigkeiten erreicht wurden, welche die Westalliierten auf ihrem Feldzug in Frankreich kaum je erzielen konnten (3). Interessanterweise hat aber das Meisterstück operativen Könnens der Sowjets im Westen wenig Beachtung erfahren, nämlich die sogenannte „Mandschurische Strategische Angriffsoperation“ im August 1945 (4).

Eine Ausnahme hiervon bildet das US Command and General Staff College in Fort Leavenworth, wo der US-Oberst David Glantz sowohl sowjetische als auch japanische Quellen zu dieser Operation ausgewertet hat (5). Er analysierte Planung und Durchführung des sowjetischen Feldzugs gegen Japan auf der strategischen Ebene und führte Fallstudien des Vorgehens der Roten Armee auf taktischer Ebene durch. Aufbauen konnte er auf einer Studie von Harmon L. Eaton, die ebenfalls in Fort Leavenworth entstanden war (6).  Ein neueres Werk, das die Operation in den größeren Kontext des Kriegsendes einordnet, stammt aus dem Jahr 2021 aus der Feder von Charles Stephenson (7). 

Im deutschen Sprachraum fand die Operation hingegen kaum Beachtung. Sie wird meist in Gesamtdarstellungen des Zweiten Weltkriegs oder der sowjetischen Militärgeschichte behandelt, wie beispielsweise bei der ins Deutsche übersetzten Darstellung des britischen Militärhistorikers Richard Overy über den Weltenbrand der damaligen Zeit (8).

[Hier weiterlesen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.