Von Ralph Bosshard – 15. Februar 2026

Mit beinahe schon erstaunlicher Beharrlichkeit hält sich die Theorie, wonach der Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands und seiner europäischen Verbündeten auf die Sowjetunion keine Aggression gewesen sei und nicht der Auftakt zu einem rasseideologischen Vernichtungskrieg, sondern ein Präventivangriff auf eine Sowjetunion, die selbst im Begriff gewesen sei, Deutschland zu überfallen.
Als eines der hauptsächlichen Beweisstücke für diese These wird gerne ein Dokument vom Volkskommissar für Verteidigung (Verteidigungsminister), Marschall Semjon Timoschenko, und vom Generalstabschef der Roten Armee, General Georgi Schukow angeführt, das angeblich den Operationsplan für einen Angriff auf Deutschland darstellt (1). Das Dokument ist schon seit längerem publiziert und wurde 2016 vom deutschen Militärhistoriker Bernd Schwipper im Archiv im Original eingesehen. Es lohnt sich, dieses im Hinblick auf die Machbarkeit der skizzierten Operationen zu prüfen und in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Ein Brief an Stalin
In der Tat ist im Archiv des russischen Verteidigungsministeriums ein Schriftstück erhalten geblieben, das irgendwann im Mai 1941 entstanden sein muss. Es handelt sich dabei formell um eine Eingabe von Timoschenko und Schukow an den Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, Josef Stalin (2). Es wurde auf dem Briefpapier des Verteidigungsministeriums handschriftlich verfasst von Generalmajor Alexander Wassiliewski, damals Stellvertretender Leiter der Operationsabteilung im Generalstab der UdSSR (3). Ihn darf man wohl als Urheber des Dokuments bezeichnen. Ein Klassifizierungsvermerk, den man eigentlich erwarten würde, fehlt, aber der Vermerk „особо важно, только лично, экземпляр единств.(енный)“ (besonders wichtig, nur persönlich, einziges Exemplar) weist auf die besondere Wichtigkeit der Einzelanfertigung hin, welche ausschließlich persönlich übergeben werden dürfe (4). Der linke Rand des Dokuments ist abgeschnitten, sodass ein Teil der Absenderzeile fehlt, wie auch ein Teil des Datums, sodass der Tag im Mai 1941, an welchem das Datum handschriftlich eingefügt wurde, nicht ersichtlich ist (5). In militärischen Schriftstücken der Sowjetunion war es üblich, das Datum eines Dokuments nicht maschinenschriftlich bei der Erstellung, sondern später bei der Genehmigung handschriftlich nachzutragen (6). Es darf deshalb davon ausgegangen werden, dass die Unterzeichner Timoshenko und Schukow das Dokument tatsächlich an Stalin übergeben haben. Ferner war es üblich, dass der Genehmigende seine Zustimmung handschriftlich auf dem Dokument festhält, was hier nicht der Fall ist. Die Genehmigung Stalins ist dem Dokument folglich nie zuteil geworden (7).