Von Ralph Bosshard – 6. Februar 2026
Derzeit erleben wir, wie der Westen sich an die Idee einer von ihm dominierte Weltordnung klammert, nachdem er die alte Ordnung systematisch geschwächt hat. Die UNO und die OSZE haben durch den manifest gewordenen westlichen Unilateralismus an Bedeutung verloren. Gleichzeitig hat der Westen selbst an Glaubwürdigkeit verloren, weil er zu oft zweierlei Maß anwandte und Diplomatie durch Sanktionen und Gewalt ersetzte. Und ein Jahr der Administration Trump zeigte, dass die USA keineswegs vom Unilateralismus abkehren – ganz im Gegenteil. Eine multipolare Welt und eine Reform der UNO vermögen allenfalls ein Quäntchen globale Gerechtigkeit und Sicherheit wiederherzustellen.
Die US-amerikanische Aggression gegen Venezuela und die Drohungen Trumps gegen Grönland, den Iran und Kuba haben in jüngster Zeit Ängste geweckt. Was immer Zweck und Ziel der Intervention der USA in Caracas war, ob es wirklich darum ging, einen korrupten Präsidenten dingfest zu machen oder eine unbequeme Figur im „Hinterhof Amerikas“ auszuschalten, es war völkerrechtswidrig (1). Und die Drohung mit militärischer Gewalt gegen einen Staat verletzt Völkerrecht ebenso, wie ein Angriff selbst (2). Irritierend waren nach Venezuela die lauen Reaktionen aus Westeuropa, das sich selbst immer gerne als Hüter des Völkerrechts profiliert. Mancher sieht schon die Weltordnung zusammenbrechen und fragt nach der Verantwortung. Handelt es sich um eine Systemkrise oder um eine bewusste Ablehnung des Systems?