Verbrannt mit weißem Phosphor* Drucken E-Mail

Italienisches Fernsehen: USA setzten im irakischen Falludscha Chemiewaffen ein. Washington drängt auf Verlängerung des Besatzungsmandats

Von Rüdiger Göbel
17. November 2005

Die US-Truppen im Irak haben bei den Angriffen auf Falludscha im November vergangenen Jahres Chemiewaffen eingesetzt. Wiederholt hatte junge Welt über entsprechende Anschuldigungen gegen die US-Armee berichtet (zuletzt am 7.11.2005). Am Dienstag bestätigten mehrere britische und italienische Zeitungen entsprechende Meldungen. Und der Satellitensender "RAI News 24" strahlte in dem gut 20-minütigen Dokumentarfilm "Falludscha, das verheimlichte Massaker" Videomaterial und schockierende Bilder über die Auswirkungen des Einsatzes von weißem Phosphor und der Napalm-ähnlichen Brandbomben MK77 in der westirakischen Stadt aus. Zu sehen waren unter anderem verbrannte Körper von irakischen Zivilisten, die durch den massiven Einsatz von Phosphor getötet worden sein sollen.

Interviewte US-Soldaten bestätigten die Verwendung der völkerrechtlich verbotenen Waffen. Exmarineinfanterist Jeff Englehart etwa erklärte: "Ich erhielt den Befehl, vorsichtig zu sein, weil wir in Falludscha weißen Phosphor einsetzen wollten. Im Militärslang nennen wir das Zeug ,Willy Pete'. Beim Kontakt mit Phosphor verbrennt der Körper bis auf die Knochen. Ich habe verbrannte Frauen und Kinder gesehen." Die US-Armee und die Regierung in Washington hatten Berichte über den Einsatz derartiger Massenvernichtungswaffen in der Vergangenheit stets dementiert.

Neben amerikanischen Irak-Kriegsveteranen kamen in der Dokumentation auch mehrere Einwohner von Falludscha zu Wort, die den Einsatz chemischer Waffen bei der Belagerung und Bombardierung vor zwölf Monaten beobachtet haben. Demnach sei ein "wahrer Feuerregen" über der Stadt niedergegangen. Einwohner, die mit der "leuchtenden Substanz" in Berührung gekommen seien, seien verbrannt. "Wir haben Menschen mit bizarren Verletzungen gesehen - ihre Körper waren verbrannt, aber ihre Kleidung intakt", erklärte der Biologe Mohamad Tariq Al Deradschi.

Der Gebrauch von Napalm und anderen Brandwaffen gegen die Zivilbevölkerung wurde durch eine UN-Konvention 1980 verboten. Weißer Phosphor entzündet sich am Sauerstoff der Luft und lässt sich auch nicht mit Wasser löschen. Brandbomben sind chemische Waffen und zählen damit zu den Massenvernichtungswaffen. US-Präsident George W. Bush hatte den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak mit der Lüge begründet, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen und drohe, diese auch einzusetzen.

Beim UN-Sicherheitsrat in New York drängte die US-Führung unterdessen am Dienstag auf eine zwölfmonatige Verlängerung des Besatzungsmandats im Irak bis Ende 2006. Er gehe davon aus, dass der von den USA, Großbritannien, Dänemark und Rumänien eingebrachte Resolutionsentwurf verabschiedet werde, sagte der amerikanische UN-Botschafter John Bolton der Washington Post (Dienstagausgabe). Die Nachrichtenagentur AFP schrieb dazu gestern allen Ernstes: "Mit der Verlängerung des Mandats bis Dezember 2006 wollen die USA der aus der Wahl am 15. Dezember hervorgehenden irakischen Regierung ersparen, dass sie selbst über die Präsenz ausländischer Truppen entscheiden muss. Außerdem befürchtet Washington harte Auseinandersetzungen im UN-Sicherheitsrat, sollte er schon kurz nach dem Antritt der irakischen Regierung über den Truppeneinsatz entscheiden müssen."

Link zum RAI-Film im Internet: www.informationclearinghouse.info/article10907.htm

* Originalartikel: junge Welt, 9.11.2005.

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