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Die Kunst des WeglassensEin neues Buch zum Reichstagsbrand versucht die längst widerlegte Legende vom angeblichen Alleintäter Marinus van der Lubbe zu rehabilitieren. Von Werner Röhr
Der leitende Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte im Springer-Flaggschiff Die Welt legte zum 75. Jahrestag des Reichstagsbrands eine, wie Hans Mommsen im Vorwort schreibt, "gut lesbare und schlüssige Schilderung des Ereignisses und seiner bis heute anhaltenden publizistischen Nachspiele vor und gelangt zu dem Ergebnis, dass an der alleinigen Täterschaft des Holländers Marinus van der Lubbe nicht gezweifelt werden kann".* Mommsen bescheinigt seinem Adepten eine "sorgfältige Auswertung der Quellen". Tatsächlich aber zieht Kellerhof die damaligen Polizeiakten in der von Fritz Tobias entstellten Form heran - ohne die gebotene historische Quellenkritik. Angesichts der Medienkampagne um das Buch dieses Publizisten, das zum Gegenstand selbst nichts beizutragen vermag und höchstens durch die Kunst des Weglassens aller entscheidenden Sachverhalte auffällt, verbleibt dem Rezensenten, zwei Sachverhalte zu vermelden: Erstens den öffentlichen Beitritt von Kellerhof zu jener Mafia von Verfassungsschützern, Kriminalisten, Historikern und Publizisten, die seit über vier Jahrzehnten die Legende vom angeblichen Alleinbrandstifter Marinus van der Lubbe zu ihrem Dogma erhoben hat und mit Argusaugen darüber wacht, dass dieses Dogma nicht angezweifelt wird und gegenteilige Auffassungen mit allen Mitteln bekämpft werden. Die entscheidende Kraft in diesem Kartell, zu dem der ehemalige Kriminalkommissar Walter Zirpins und der ehemalige Verfassungsschützer und Hobbyhistoriker Fritz Tobias gehören sowie die Historiker Hans Mommsen und Henning Köhler und der Zeit-Publizist Karl Heinz Janßen u.a., ist das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das seine eigene Geschichtsfälschung partout nicht widerrufen mag und dem sich Die Zeit und Die Welt zugesellten. In dieser Gesellschaft darf natürlich auch der "Geschichtspapst" des ZDF, Guido Knopp, nicht fehlen, der sich jüngst der Spiegel-Fraktion angeschlossen hat. Zweitens ist zu vermelden, dass sich nach 75 Jahren mit Kellerhof ein naturwissenschaftlich-technisches Genie zu Wort gemeldet hat, das die schwierige Frage klärt, wie das Gestühl und die Wandverkleidung des Plenarsaals aus schwerem Eichenholz sich mit van der Lubbes wenigen Kohlenanzündern entzünden konnten. Kellerhof löst das Rätsel, an dem die Brandsachverständigen von 1933 ebenso wie die der Experten von der TU Berlin 1970 gescheitert seien, mit wenigen Federstrichen: "Es dürfte am 27. Februar 1933 gegen 21.27 zu einem heute als ,Backdraft' bekannten und gefürchteten Phänomen gekommen sein, das bei Bränden in geschlossenen Räumen auftritt. Dabei verbraucht zunächst ein offen brennendes Feuer einen Großteil des verfügbaren Sauerstoffs. Verlöschen die Flammen, führen die stark gestiegenen Temperaturen zum chemischen Phänomen der Pyrolyse: Organische Moleküle spalten sich; unoxidierte, das heißt brennbare Gase steigen auf und sammeln sich unter der Decke. Gleichzeitig sinken durch die nunmehr nur noch schwelenden Brandstellen die Temperaturen etwas. Dadurch entsteht ein Unterdruck, der Luft ansaugt, sobald das möglich ist. Kommt in dieser Situation Sauerstoff in den bis dahin abgeschlossenen Raum, lässt sich eine Katastrophe kaum mehr abwenden: Nach dem Öffnen einer Tür scheint die gestaute Hitze zunächst wie ein Schlag hinauszudrängen, doch unmittelbar darauf bildet sich ein starker Luftzug ins Innere des nun geöffneten Brandraums. Der Sauerstoff vermischt sich, je nach Größe des Raums in wenigen Sekunden bis mehr als einer Minute, nut den heißen Rauchgasen. Sobald die Mischung zündfähig ist kommt es zu einer Rauchgasexplosion, die Temperaturen von bis zu 1000 Grad entwickeln kann und nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist." (137 f.) Erstaunlich, dass die Brandexperten der TU Berlin von diesem Phänomen noch nichts gewusst haben sollten, als sie 1970 ihr Gutachten erstellten. Nach Kellerhof hätte es also völlig ausgereicht, wenn van der Lubbe die Stoffbahnen im Plenarsaal in Brand gesetzt hätte. Die Experten gingen allerdings davon aus, dass dies niemals ausgereicht hätte, das schwere Gestühl in Brand zu setzen. Den "Backdrafft" oder die Rauchgasexplosion gibt es wirklich, nur setzt sie voraus, was sie bei Kellerhof bewirken soll, nämlich einen vorausgegangenen schweren Brand. Sie kann über die Entzündungsquelle nichts aussagen, auch kann das schwere Holz wahrend einer Schwelbrandperiode nur außerordentlich langsam ausgasen und keinesfalls eine genügende Menge zündfähiger Gase liefern. "Kurzum: Die These vom Backdraft beweist eher das Gegenteil von dem, was Kellerhof beweisen will. Keinesfalls lässt sich damit die These von der Alleintäterschaft van der Lubbes bestätigen." (Stellungnahme von Prof. em. Dr. Ing. Karl Stephan, Institut für technische Thermodynamik und thermische Verfahrenstechnik der Universität Stuttgart zu den Ausführungen von Sven Felix Kellerhof, 8. Februar 2008). Kellerhof wählt den Untertitel "Die Karriere eines Kriminalfalls". Leider schildert er weder die erste noch die zweite Karriere. Die erste ist das Folgegeschehen hinsichtlich der Brandstifter: Nicht nur das missbrauchte Werkzeug van der Lubbe musste sterben, sondern auch so mancher SA-Mann. Die Historiker unmittelbar geht die zweite Karriere an, die Kriminalgeschichte von der Reinwaschung der Nazis von der Reichstagsbrandstiftung und die Geburt und Durchsetzung des Dogmas vom Alleintäter van der Lubbe. Diese Kriminalstory westdeutscher Historiker ist in mehreren Publikationen beschrieben und destruiert worden, am ausführlichsten von Alexander Bahar und Wilfried Kugel in ihrem Buch "Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird", Berlin 2001, Kapitel 11, in kürzerer Fassung auch in dieser Zeitschrift**: Alexander Bahar: "Dieses Feuer ist erst der Anfang". Die Nazis und der Reichstagsbrand, Bulletin 25/26, Berlin 2005, S. 87-121. WR * Sven Felix Kellerhoff: Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls. Mit einem Vorwort von Hans Mommsen. be.bra verlag, Berlin Brandenburg 2008, 160 S., 14,90 €. ** Quelle: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung (2008), Heft 31/32, S. 250 ff.; Rezensent: Prof. Dr. Werner Röhr (= Herausgeber der Zeitschrift). © www.globale-gleichheit.de |
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