Die Zerstörung des kulturellen Erbes Drucken E-Mail

Themenabend Irak im Ebene 3 Forum in Heilbronn, 22. Januar 2009

Von Michaela Adick
25. Januar 2009

Eingetretene Türen, aufgebrochene Schlösser, eingeschlagene Vitrinen, die Anzahl der verschwundenen Kunstobjekte ging in die Hunderttausende. Das Nationalmuseum in Bagdad bot nach der Plünderung ein Bild der Verwüstung. Manch ein Kunstobjekt fand sich alsbald in den Katalogen der Auktionshäuser wieder. Michael Müller-Karpe, Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz und profunder Kenner des Iraks, versucht beim Themenabend Irak im Ebene 3 Forum die nüchternen Fakten auf den Tisch zu legen. Aber was im April des Jahres 2003 in Bagdad passiert ist, respektive eben nicht passiert ist, das Nationalmuseum wurde eben nicht von den US-Truppen geschützt, raubt ihm bis heute den Atem. „Das Nichtschützen des kulturellen Erbes“, so Müller-Karpe, der seit 1974 immer wieder an Grabungen im Zweistromland teilgenommen hat, „hat das Verhältnis der Iraker zu ihren Befreiern nachhaltig gestört.“ Heute befindet sich die Sammlung in einem erschütternden Zustand, es wird Jahre dauern, bis allein ein erster Überblick über die Verluste möglich sein wird. Aus verschiedenen Perspektiven versuchen sich der Archäologe Müller-Karpe, der Friedensaktivist Joachim Guilliard und der Publizist Alexander Bahar, der die sachlich geführte Podiumsdiskussion moderiert, dem Problemfeld Irak anzunähern. Denn eins ist klar, jetzt da die US-Regierung Barack Obamas von einem verantwortungsvollen Rückzug spricht und innerhalb der nächsten 16 Monate 130.000 im Irak stationierte Soldaten abziehen will: Der Irak ist und bleibt ein gefährdeter Staat. Joachim Guilliard, der sich zusammen mit dem deutschen Diplomaten Hans-Christof Graf von Sponeck für eine Aufhebung des Irak-Embargos stark gemacht hat, malt eindrucksvoll die Drohkulisse eines weiteren „Failed State“ an die Wand, eines gescheiterten Staatsgebildes wie Somalia, in dem Warlords die Macht an sich reißen. „Heute schon“, so Guilliard, „ist die humanitäre Katastrophe im Irak nur noch mit dem Kongo vergleichbar.“ Die Zahlen sprechen für sich: Eine Million tote Zivilisten, zwei Millionen Flüchtlinge, die den Irak verlassen haben, und weitere drei Millionen, die innerhalb ihres Heimatlandes heimatlos geworden sind. Vom psychischen Leid, den vielen vom Krieg traumatisierten Irakern gar nicht zu reden. Umso wichtiger ist eine nüchterne politische und kulturgeschichtliche Bilanz. Michael Müller-Karpe, Initiator des Protests gegen die Förderung der Antikenhehlerei, verweist auf den Geschichtspatriotismus der Iraker. Der Erhalt des Bodenarchivs des Landes zwischen Euphrat und Tigris, diese in Sonntagsreden beschworene Wiege der Zivilisation, muss oberste Maxime bleiben. 10.000 archäologische Fundorte sind im Irak bekannt, weitere
100.000 werden vermutet – ein Eldorado für Raubgräber, ein Markt für zwielichtige Gestalten: sechs bis acht Milliarden US-Dollar werden derzeit im illegalen Antikenhandel umgesetzt. Im Jahr.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags ist am 24. Januar 2009 in der Heilbronner Stimme erschienen.

© www.globale-gleichheit.de 




 

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